Nachruf Elsbeth Rütten

2008 traf ich sie zum ersten Mal. Sie sprach mich auf einen Vortrag an, den ich einige Jahre zuvor gehalten hatte und bat um Unterstützung.

Es ging damals um die erwarteten Folgen durch die neue Krankenhausfinanzierung durch Fallpauschalen: Verweildauerverkürzung, schnellere Entlassungen, fehlende Anschlussversorgung der Patienten.

Hintergrund: 2005 hatte Elsbeth Rütten  eine einschneidende Erfahrung gemacht.

Sie hatte sich einer großen Operation am Fußgelenk unterziehen müssen und wurde immobilisiert, im Liegegips quasi hilflos aus dem Krankenhaus entlassen.

Zu Hause war sie wochenlang auf sich allein gestellt, denn eine Haushaltshilfe gehörte nicht zu den gesetzlichen Leistungen der Krankenkassen.

Schnell hatte mich Elsbeth Rütten „am Wickel“ und von ihrem Vorhaben überzeugt – sie war eine charmante „Menschenfängerin“.

Ich trat in ihre ehrenamtlichen, beratenden Dienste.

Entsprechend ihrer Art begann sie  2009,  unter dem Titel “Versorgungslücke“, „Entlassung in die Hilflosigkeit“, eine Gruppe von Multiplikatoren zu organisieren. Sie mobilisierte Betroffene, Sozialverbände, Ärzte, Parteien, prominente Einzelpersonen, Funk und Fernsehen mit dem Ziel, die sozialrechtliche Situation zu verbessern – sprich: das große Rad zu drehen. Viele Experten bezweifelten einen Erfolg und warnten vor dem erforderlichen Energieaufwand.

Im „gegnerischen“ Lager befanden sich immerhin die großen und stets klammen Krankenkassen und zögerliche Gesetzgeber:  das Gesundheitswesen war ihnen sowieso zu teuer.

Aber Elsbeth Rütten ließ nicht locker,  sie organisierte Veranstaltungen, vernetzte sich mit anderen Initiativen in Deutschland und initiierte eine bundesweite Petition, die das Anliegen  nach  diversen Anhörungen und Gutachten in den Bundestag brachte. Nach Jahren der Verhandlungen und unter Beteiligung einer breiten Öffentlichkeit kam es letztlich zu einer Änderung im Sozialgesetzbuch.

Seit 2016 wird  der neue Leistungskatalog (erweiterte Haushaltshilfe, häusliche Pflege und Kurzzeitpflege) endgültig umgesetzt.

(Der Gesetzgeber ergänzte das Paket außerdem mit der sinnvollen Verpflichtung zur „Überleitungspflege“.)

Unterdessen war 2009 der „Verein Ambulante Versorgungslücken e.V.“ gegründet. Aber was sollte seine Aufgabe sein?

Wie konnte er sich jenseits der Durchsetzung einer „abstrakten“ Gesetzesänderung behaupten, positionieren, finanzieren?

Wie wollte der Verein Mitglieder werben, welche neuen Dienstleistungen anbieten?

Elsbeth Rütten mit dem Aufsichtsrat der Ambulanten Versorgungsbrücken e.V. auf der Feier zum

10jährigen Jubiläum am 18. November 2019.

Elsbeths Rüttens Vertrauen in sich, ihre Überzeugungskraft, ihre Umtriebigkeit gestalteten fortan die Geschicke des Vereins. Der Verein wurde ihr Kind, das von ihr geformt wurde, das viele Menschen in seinen Bann zog, von anderen misstrauisch beäugt,

als Wettbewerber oder Störenfried bekämpft, als Ideengeber kopiert.
Elsbeth Rütten ließ sich nicht von Ungewissheiten beirren:  Sie vertraute darauf, dass es schon irgendwie klappen würde,

schließlich waren ihre Ideen und Projekte doch selbstredend wichtig und sinnvoll.
Es entstanden:

  • „Leitfäden“ zur Vorbereitung auf eine Krankenhausbehandlung
  • „Dialog der Generationen“ , Rundgang der Generationen, Rollator-Trainings
  • Entwicklung von „Stadtteilratgebern“
  • Entwicklung eines „inklusiven Bewegungsangebots für pflegende Angehörige“ gemeinsam mit Landessportbund und Unfallkasse
  • Kooperation und Entwicklung des „Seniorenbüros“
  • „Alt für Jung“ – Unterstützung von Geflüchteten – Vermittlung von Patenschaften
  • „Wohlfühlanrufe“ – telefonischer Kontaktdienst durch besonders geschulte Ehrenamtliche
  • „Vital-Digital“ – Einführungskurse in die Nutzung von Smartphone, Tablet und mehr für Ältere
  • Information und individuelle Beratung zu Pflege u. Vorsorge
  • individuelle Betreuung von hilfebedürftigen Menschen und vieles mehr.

Sie entdeckte immer neue Tätigkeitsfelder und Bedürfnisse insbesondere der Älteren und der Menschen mit besonderem Hilfebedarf,

da sie sehr eng dran war und zuhören konnte.

Und immer wieder: unermüdliche Netzwerkarbeit, Vermittlung und Aktivierung von Kontakten und Ehrenamtlichen, Beteiligung an Kongressen und Tagungen mit regionaler und bundesweiter Ausstrahlung, Öffentlichkeitsarbeit.
Aus den „ Ambulanten Versorgungslücken“ wurden 2013 „ Ambulante Versorgungsbrücken“.

Denn Elsbeth Rütten hatte erkannt, dass die Zukunft des Vereins positiver und umfassender konnotiert werden sollte.

Aber mit dieser Vielfalt von Aktivitäten beanspruchte sie sehr heftig die Kooperationsbereitschaft des Umfeldes und die Wirtschaftskraft des Vereins.

Er rutschte in eine existenzbedrohende Krise, die auch von wohlmeinenden Banken und Behörden kritisch hinterfragt wurde.
Elsbeth Rütten ging darauf 2015 mit vollem Risiko in die Öffentlichkeit und warb um eine Spendenaktion.

Ihr Vertrauen in sich und ihre Projekte wurde nicht enttäuscht: die Reaktion der Angesprochenen war überaus erfolgreich. Offensichtlich war der Verein so gut verankert und als unverzichtbar angesehen, dass mit den Spenden eine vollständige Entschuldung möglich wurde.