Zukunft: Alter!

Nähe durch digitale Teilhabe in distanzierten Zeiten

Kernbotschaften
  • Die Einsamkeitsrate ist in Deutschland nach Angaben des Deutschen Zentrums für Altersfragen zwischen 2017 und 2020 um das 1,5-fache gestiegen. 
  • Das Kompetenznetz Public Health COVID 19 stellt in seinem FactSheet 2020 dar, dass soziale Isolation und Einsamkeit das Mortalitätsrisiko bei älteren Menschen deutlich erhöhen.   
  • Digitale Angebote haben bei richtiger Anwendung das Potenzial,  sozialer Isolation und Einsamkeit entgegenzuwirken.  
  • Digitale Angebote müssen niedrigschwellig zugänglich sein, Schulungsangebote für den Umgang mit diesen Angeboten sind essentiell.   
  • Die Umsetzung benötigt regelhafte, einfach abrufbare und personelle sowie finanzielle Unterstützung.  
  • Entsprechend muss Seniorenarbeit als Teil der Gesundheitsvorsorge und beispielweise als Teil der Kassenleistungen oder in die Grundsicherung integriert werden. 

Dieses Papier richtet sich an politische Gremien und die dort aktiven Expertinnen und Experten,  vor allem in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Frauen, Gleichberechtigung und Seniorinnen und Senioren. 

Wir, die Ambulanten Versorgungsbrücken e.V., unterstützen seit vielen Jahren ältere Menschen durch Beratung, Information, Schulung und Alltagsbegleitung, überwiegend auf ehrenamtlicher Basis. Dabei steht die Hilfe zur Selbsthilfe im Mittelpunkt. Gemäß dieser Philosophie nehmen wir auch am Projekt „Selbstbestimmt im Alter“ teil. Wir erleben, dass der Bedarf nach sozialer Unterstützung, nicht zuletzt bei der Nutzung digitaler Medien, in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen ist, ein Bedarf, den wir mit unseren Möglichkeiten kaum decken können, der jedoch als Teil der Daseinsvorsorge anzusehen ist. 

Wir wenden uns mit diesem Forderungspapier an die zuständigen politischen Gremien und deren Expertinnen und Experten, vor allem aus den Bereichen Gesundheit, Soziales, Frauen, Gleichberechtigung und Seniorinnen und Senioren. Unser Ziel ist es, nachhaltige Unterstützungsstrukturen für ältere Menschen mit unterschiedlichen Vorerfahrungen im sozialen digitalen Bereich aufzubauen.  

Nach Angaben des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) ist zwischen 2017 und 2020 die Einsamkeitsrate in Deutschland um das 1,5-fache gestiegen.[1] Vereinsamung und Vereinzelung sind entsprechend ein ernstzunehmendes Sterberisiko in unserer Gesellschaft. Dies sei auch schon vor der Pandemie so gewesen, berichtet das DZA. Nach unserer Erfahrung hat sich diese Situation in der SARS-CoV-2-Pandemie noch verschärft. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus sind wichtig und können Leben retten. Doch inwiefern machen diese krank? Soziale Isolation ist gesundheitsschädlich und unmenschlich. Dies bestätigt das Kompetenznetz Public Health Covid-19 in seinem Fact Sheet 2020 „Soziale Isolation als Sterblichkeitsrisiko für ältere Menschen“; „Rapid Scoping Review“ sowie einer qualitativen Erhebung in Alten- und Pflegeheimen, mit dem Ergebnis: Bereits in „normalen“ (vor pandemischen) Zeiten liegt bei sozialer Isolation oder selbst wahrgenommener Einsamkeit eine Erhöhung des Mortalitätsrisikos von 29 Prozent vor. [2][3]

[1] Quelle: https://www.dza.de/fileadmin/dza/Dokumente/DZA_Aktuell/DZAAktuell_Einsamkeit_in_der_Corona-Pandemie.pdf [letzter Abruf 18.03.2021]

[2] Quelle: https://www.public-health-covid19.de/images/2020/Ergebnisse/2020_05_18_fact_sheet_soziale-isolation-als-mortalita__tsrisiko_1.pdf [letzter Abruf: 18.03.2021]

[3] Quelle: Leigh-Hunt N, Bagguley D, Bash K, Turner V, TurnbullSValtorta N, Caan W. An overview of systematic reviews on the public health consequences of social isolation and loneliness. Public Health2017;152:157-171. 

Die Digitalisierung hat inzwischen alle Teile des Alltagslebens durchdrungen. Gleichzeitig setzt ein kompetenter Umgang mit den digitalen Techniken bestimmte Fähigkeiten voraus, die insbesondere in der Gruppe der Älteren ungleich verteilt sind. Die Folgen sind soziale Isolation und Einsamkeitsgefühle gerade bei diesen Personen.  

Um die Menschen der Generation 60 plus beim Erlernen der Medienkompetenz und so bei der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu unterstützen, sind unterschiedliche Angebote erforderlich. Besonders wichtig ist aus unserer Sicht, dass nicht nur Menschen, die in eigenen Haushalten leben, sondern vor allem auch Menschen in Pflegeeinrichtungen zur digitalen Teilnahme ermuntert werden. Ebenso wichtig ist aus unserer Sicht, dass finanzielle Lösungen gefunden werden, die digitale Teilhabe mit entsprechenden finanziellen Mitteln unterstützen, z.B. beim Erwerb entsprechender Geräte. 

1. Seniorenarbeit als Teil der Gesundheitsvorsorge wahrnehmen

Wir fordern: 

  • Förderungsprogramme für die digitale Teilhabe von Senior:innen 
  • Zeitlich begrenzte Förderungsprogramme müssen verstetigt und an die festgestellten tatsächlichen Bedarfe der älteren Menschen angepasst werden.  
  • Einen Maßnahmenkatalog zur Erhaltung von Gesundheit zu entwickeln, um eine gängige digitale Versorgungskette zu erreichen, damit die Lebensqualität und die Selbstbestimmtheit von Seniorinnen und Senioren gefördert werden.

2. Digitale Angebote fördern und leicht zugänglich machen  

Wir fordern: 

  • ein kostenfreies WLAN in ambulanten und stationären Einrichtungen in Bremen und Bremerhaven 
  • die Bereitstellung von Endgeräten (Tablet/ Smartphone/ Notebook) als Leistung der digitalen Grundausstattung  
  • eine regelmäßige digitale Anleitung und Unterstützung in Alten- und Pflegeheimen, um eine digitale Kommunikation zu ermöglichen

3. Erreichbarkeit und Nähe zulassen  

Wir fordern kreative Lösungen wie:  

  • Videoschalträume als Begegnungsräume, damit sich Familien online treffen können  
  • in Alten- und Pflegeheimen Treffen von An- und Zugehörigen im Sommer draußen zu ermöglichen:  
    • mit fest vereinbarten, regelmäßigen (bestenfalls täglichen) Sprechstunden unter Hygienebedingungen  
    • externes, freiwillig engagiertes Personal (z.B. Digitalassistent:innen). Damit wir soziale Teilhabe ermöglichen können, benötigen wir zudem mindestens den Zugang zu Schnelltests und in jedem Fall Impfungen für die Digitalassistent:innen.  

„Alter“ ist unser aller Zukunft. Soziale Isolation, Vereinsamung, Vereinzelung – dagegen müssen wir gemeinsam, solidarisch und vernetzt vorgehen. Nach Angaben des Achten Altenberichts 2019 ist es Aufgabe der Kommunen, digitale Teilhabe für ältere Menschen zu ermöglichen und den Austausch zwischen den Generationen zu fördern. Digitalisierung ist auch für den stetig wachsenden Anteil älterer Menschen in unserer Gesellschaft als  Chance zu begreifenEs kann nicht sein, dass über die Hälfte der deutschen Bevölkerung digital abgehängt wird. [4] Ältere Menschen haben in diesen Zeiten der Pandemie unter den vorgegebenen Rahmenbedingungen gelitten und leiden teilweise noch heute. Durch digitale Teilhabe in diesen distanzierten Zeiten kann es gelingen mehr Nähe herzustellen. 

[4] Quelle: https://www.bmfsfj.de/resource/blob/159704/3dab099fb5eb39d9fba72f6810676387/achter-altersbericht-aeltere-menschen-und-digitalisierung-data.pdf [letzter Aufruf 18.03.2021]